Dr. Anita Kühnel: Textauszug der Rede zur Ausstellung

Eva Niemann. Malerei, Klangobjekte, Zeichnungen auf Burg Klempenow

18. 8. – 16. 9. 2018

„Immer war es mir“, schrieb Augusto Giacometti, „als ob es ein Leben der Farbe an sich geben müsse, losgelöst von jedem Gegenstand. Also etwas, das schon vor der Welt der Gegenstände da war und wovon die Gegenstände ihre Farbe entlehnen.“ In seinem Essay „Die Farbe und ich“ beschreibt der 1947 verstorbene Schweizer Maler seinen Antrieb zur Auseinandersetzung mit dem Geheimnis der Farben und ihrer Wirkungen. „Etwas in mir hat immer nach einem Wissen über die Farbe gestrebt. Nach einem Wissen, um mit Hilfe dieses Wissens selbstherrlich über die Farbe disponieren zu können“, heißt es darin an anderer Stelle.

Solche oder ähnliche Fragen stellt sich auch Eva Niemann, seit sie Bilder malt. Nehmen wir die Dinge bzw. ihre Formen durch die Farben wahr oder die Farben durch die Dinge? Schon während des Studiums verlor Eva Niemann das Interesse an der Figur und am Motivischen, das ihr mehr und mehr Vorwand geworden war, dem Thema Farbe nachzugehen. Von den unterschiedlichen Wegen, die die Malerei eröffnet, entschied sie sich, einer Prämisse zu folgen, die schon Robert Delaunay in seinem Essay „Über das Licht“ sehr klar formuliert hatte: „Solange die Kunst vom Gegenstand nicht loskommt, bleibt sie Beschreibung, Literatur, erniedrigt sie sich in der Verwendung mangelhafter Ausdrucksmittel, verdammt sie sich zur Sklaverei der Imitation. Und dies gilt auch dann, wenn sie die Lichterscheinung eines Gegenstandes betont, ohne dass das Licht sich dabei zur darstellerischen Selbständigkeit erhebt.“ Weiter heißt es darin: „Die Natur ist von einer in ihrer Vielfältigkeit nicht zu beengenden Rhythmik durchdrungen. Die Kunst ahme ihr hierin nach, um sich zu gleicher Erhabenheit zu klären, sich zu Gesichten vielfachen Zusammenklangs zu erheben, eines Zusammenklangs von Farben, die sich teilen, und in gleicher Aktion wieder zum Ganzen zusammenschließen. Diese synchronische Aktion ist als eigentlicher und einziger Vorwurf (Sujet) der Malerei zu betrachten.“

Eva Niemann sucht die sichtbaren wie die nicht sichtbaren Erfahrungen in Farbe zu übersetzen, fragt nach der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrnehmungen, von Raum, Zeit und akustischen Tönen und findet Entsprechungen in farbigen Klängen, die eigenen Gesetzen folgen.

Sie fand zu eher streng komponierten Farbformen ohne sich einer mathematischen Farbgeometrie verschreiben zu wollen, im Gegenteil. Zwar jenseits von Impulsivität beherrscht dennoch die malerische Geste die Leinwände, bestimmt sie das systematisch überlegte Vorgehen des Komponierens. Zwischen Behutsamkeit und Entschiedenheit wechseln mit meist breitem Pinsel gesetzte Farbakzente, Farbbahnen oder breite Flächen, folgt das Zusammenspiel farbiger Balancen variierender und sich wandelnder Tonfolgen, von Kontrasten und klaren Zäsuren musikalischen Prinzipien.

Der stumpfe, seidig matte Farbauftrag lässt die Pigmente auf den Leinwänden von innen leuchten, ohne den künstlichen Glanz aufgesetzter Lichter. Dieses Leuchten erklärt einerseits die unmittelbare Präsenz dieser Bilder. Andererseits waltet selbst in den großen Formaten eine vornehme wie geheimnisvolle Zurückhaltung. Die Anmut des Selbstverständlichen ist darin, zugleich auch eine klare Bestimmtheit. Der Zufall ist beim Malen durchaus willkommen, doch wird er in die farbkompositorischen Vorstellungen eingeordnet. Es geht um die Steigerungen und größtmöglichen Wirkungen einer jeweiligen Farbe, eines Rot, Blau oder Gelb über das Durchdeklinieren ihrer Töne im mal weiten, mal reduzierten Pendelschlag vom Dunklen zum Hellen und umgekehrt, durch wechselnde Nachbarschaften und mehr oder weniger starke Kontraste. Laut und Leise teilen sich darin ebenso mit wie räumlich empfundenes Vorn und Hinten. Oft greifen die Farbfelder ineinander, allmählich durch gleichsam gewachsene Übergänge, nimmt man Überblendungen wahr, ähnlich den Spiegelungen urbaner Formen. Farbtore gewähren Durch- oder besser Einblicke, die mit all ihren unterschiedlichen Dunkelheiten in die Tiefe führen, um dann doch überraschend verschließende Fläche zu bilden oder in wachsenden Helligkeiten nach vorn drängen, sich öffnen, zugleich wieder den Blick verstellen, durchkreuzen und in die Fläche lenken.

Bisweilen glaubt man in den echohaften Verwandlungen der Farbklänge die Klangfarben musikalischer Fugen wahrzunehmen. Geradezu körperhaft schieben sich Farbrahmen in leichter Diagonale in- und übereinander, überlagern sich farbige Balken, manchmal kreuzen sie einander und bilden an den Schnittstellen neue Töne, lassen darunter liegende Farbschichten durchscheinen, einem Nachhall gleich, der verstärkend wirkt.

Eva Niemann sucht niemals Assoziationen an Landschaften oder Dinge. Vergeblich sucht man in ihren Bildern nach der Linie des Horizontes oder organisch anmutenden Formengeflechten. Hier sind keine flirrenden leichten Töne zu vernehmen, sondern sich langsam steigernde Rhythmen wechselnder Stabilitäten zwischen Dissonanz und Harmonie, variierende Wiederaufnahmen von Farbreihungen scheinbar in sich ruhender Flächenformen und Farbbahnen mit allmählich sich steigernder Intensität der jeweils als beherrschend wahrgenommen Grundfarbe eines Bildes. Nicht nur Kontraste führen zu dieser Intensität sondern auch all jene Töne, die diese Farben enthalten, sie sind Wegbereiter und Stützen zugleich. Ton-in-Ton-Stufen, entstanden durch wiederholte Übermalungen, die untere Farbschichten kaum oder gerade noch durchscheinen lassen, führen schließlich zum reinen Farbklang, der der eigenen Vorstellung etwa eines ultimativen Gelb oder Rot entspricht. Eva Niemann verliert sich dabei nie im Taumel unendlicher Modulationen. Immer ist man verblüfft von dem zielgerichteten, sicheren Einsatz der Mittel, der stringenten Klarheit ihrer farbpoetischen Sprache.

Und  immer ist da das vermittelnde Grau, in dem all jene Farben verborgen zu sein scheinen, die das Bild bestimmen, ein Grau, das manchmal kaum wahrnehmbar ist, bald offen erscheint und ein wesentlicher Schlüssel zum Geheimnis der Strahlkraft ist, die von diesen Bildern ausgeht. Es ist ein Grau, das manchmal auch dominiert und das etwas von jenem melancholischen, wie vornehmen Geist der Hallenser Schule bewahrt, für die ihr Lehrer Hermann Bachmann stand. Das Thema Farbe hat beide auch theoretisch immer begleitet und verbunden. Praktisch ist Eva Niemann einen radikaleren Weg gegangen als ihr Lehrer. In dem besonderen Verständnis für Grau und seine unterschiedlichen Farbwerte mögen sich Lehrer und Schülerin einvernehmlich getroffen haben und doch hat es in ihren Werken jeweils seinen eigenen unnachahmlichen Platz.

In ihren Graphitzeichnungen macht Eva Niemann auf eindrückliche Weise deutlich, wie sehr sie Schwarz in seinen Grau erscheinenden unterschiedlichen Stärken als farbige Entsprechungen begreift. Oft zur Fläche sich verdichtende Schraffuren entfalten ein breites Spektrum zwischen Schwarz und Weiß und machen den Reichtum unterschiedlicher Grauwerte, die je nach Lichteinfall auch blau anmuten können, in atemberaubender Wucht geradezu beispielhaft erlebbar.

Wie die Farbwerte in der Zeichnung und Malerei synästhetisch empfunden werden können, stellen auch die Objekte Verbindungen her, die verschiedene Sinne wie Hören, Tasten und Sehen gleichermaßen ansprechen und anders als die Malerei über Bewegung Vergänglichkeit thematisieren. Es ist der umgekehrte Vorgang zur Malerei, die die Bewegung, den Prozess des Malens in den sichtbaren Farbspuren ahnen lässt und das Vergängliche im Sichtbaren festzuhalten sucht. Während man die Bewegungen in den Objekten hören und sehen kann, bleibt die Spur, die sie zeichnen, unsichtbar, manchmal im Moment der Bewegung zwar nachvollziehbar und doch unserer vagen Vorstellung überlassen.

In ihren Farbbüchern wird die empfundene Steigerung von Tönen in der mechanischen Bewegung des Blätterns haptisch, räumlich wie zeitlich erlebbar. Das Repertoire scheint unerschöpflich und man spürt die lustvolle Hingabe an ein Thema, mit dessen theoretischen Fundamenten Eva Niemann zwar eng vertraut ist, die sie stets neu hinterfragt und infrage stellt bis zur Provokation. Doch nie wird intellektuelles Kalkül spürbar. Ihre Arbeiten leben von einer kraftvollen Sinnlichkeit, die von ganz unmittelbarer emotionaler Wirkung ist.